Antwort
Ich schaue mir zuerst die Verteilung aller nationalen Abstimmungsresultate an, um die Frage empirisch statt willkürlich zu beantworten.
Die Datengrundlage: 384 nationale Vorlagen 1981–2025. Jetzt die Verteilung der "Knappheit" — also wie weit die Resultate typischerweise von 50% entfernt liegen — und die Perzentile dieses Abstands.
Jetzt der zeitliche Vergleich: Hat sich die Knappheit über die Jahrzehnte verändert? Und konkret — welche Vorlagen waren die knappsten?
Die Jahres-Granularität ist zu fein (oft nur 3–5 Vorlagen pro Jahr). Ich aggregiere sauber nach echten Dekaden und hole zusätzlich die knappsten Einzelvorlagen mit Titel.
Jetzt habe ich alles für eine fundierte Antwort. Ein Histogramm der Ja-Anteile rundet das ab.
Ein Histogramm der Ja-Anteile zeigt die Gesamtverteilung am besten.
Statt einer willkürlichen Grenze («knapp = unter 5%») lässt sich die Schwelle aus der tatsächlichen Verteilung der 384 nationalen Vorlagen seit 1981 ableiten. Der entscheidende Kennwert ist der Abstand vom 50-Prozent-Punkt (|Ja% − 50|) — also wie weit ein Resultat von der Pattsituation entfernt liegt.
Was die Verteilung sagt
Über alle 384 Vorlagen 1981–2025:
| Kennwert (Abstand von 50%) |
Wert |
| 10%-Perzentil |
2,5 Punkte |
| 25%-Perzentil (unteres Viertel) |
6,2 Punkte |
| Median |
13,5 Punkte |
| 75%-Perzentil (oberes Viertel) |
20,9 Punkte |
| 90%-Perzentil |
27,2 Punkte |
Daraus ergeben sich datengestützte — nicht willkürliche — Klassen:
Knapp: Vorsprung unter ~5 Punkten (Ja-Anteil 45–55%). Das untere Viertel aller Abstimmungen liegt unter 6 Punkten Abstand; eine 5-Punkte-Grenze (47,5–52,5% Ja) markiert sauber die engsten rund 20% der Resultate. 80 der 384 Vorlagen fallen darunter. Die ganz heisse Zone — Abstand unter 2 Punkten (48–52% Ja), de facto «Münzwurf» — umfasst 36 Vorlagen, also rund jede zehnte. Den Extremfall lieferte die AHV-Zusatzfinanzierung am 24.9.2017 mit 49,95% Ja — gescheitert um 0,05 Punkte.
Deutlich: Vorsprung ab ~20 Punkten (Ja-Anteil ≤40% oder ≥60%). Das ist die obere Viertelgrenze; 105 Vorlagen (27%) wurden so klar entschieden, dass das Ergebnis nie ernsthaft auf der Kippe stand.
Dazwischen (5–20 Punkte): «klar, aber umkämpft» — der mittlere Bereich, in dem rund die Hälfte aller Vorlagen landet.
Eine gute Faustregel ist also die 45/55-Schwelle für «knapp» und die 40/60-Schwelle für «deutlich».
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Die roten Linien markieren die «Knapp»-Grenzen (45/55%), die grauen die «Deutlich»-Grenzen (40/60%). Auffällig: Die Verteilung hat keinen Berg in der Mitte — knappe und klare Resultate sind ähnlich häufig, mit leichter Linksverschiebung (Mittelwert 48,8% Ja, da Volksinitiativen meist scheitern).
Hat sich das über die Zeit verändert?
Ja — und zwar messbar in den 2020er-Jahren:
| Dekade |
Vorlagen |
Median-Abstand von 50% |
Anteil «knapp» (<2 Pkt) |
Anteil «deutlich» (≥20 Pkt) |
| 1980er |
55 |
13,3 |
7,3% |
18,2% |
| 1990er |
100 |
15,3 |
6,0% |
38,0% |
| 2000er |
93 |
15,9 |
11,8% |
24,7% |
| 2010er |
83 |
13,7 |
7,2% |
32,5% |
| 2020er |
53 |
10,3 |
17,0% |
13,2% |
Die laufende Dekade sticht heraus: Der typische Abstand vom Patt ist auf gut 10 Punkte gesunken (tiefster Wert aller Dekaden), der Anteil hauchdünner Resultate hat sich auf 17% mehr als verdoppelt, und der Anteil klarer Entscheide ist auf einen Tiefstwert von 13% gefallen. Abstimmungen werden also enger — die Schweiz entscheidet häufiger mit knappen Mehrheiten als noch in den 1990ern.
Ein Vorbehalt: Die 2020er umfassen erst 53 Vorlagen, der Trend könnte sich noch glätten. Die Richtung — mehr Knappheit, weniger Erdrutsche — ist aber konsistent über mehrere Kennwerte hinweg und passt zur zunehmend polarisierten Themenlage (E-ID, Kampfjets, Masseneinwanderung landeten alle unter 0,4 Punkten).
Fazit: «Knapp» beginnt empirisch bei unter ~5 Punkten Abstand (45–55% Ja), «deutlich» ab ~20 Punkten (≤40% / ≥60% Ja) — und die Grenze zum Knappen wird in jüngster Zeit häufiger berührt.