Seit das Transparenzgesetz 2022 in Kraft trat, müssen Komitees ihre Einnahmen oberhalb bestimmter Schwellenwerte offenlegen. Unter den so dokumentierten Abstimmungskampagnen ragen einige Vorlagen finanziell deutlich heraus, doch der spektakulärste Befund liegt nicht in der Höhe der Beträge, sondern in ihrer geringen Aussagekraft für das Ergebnis: Mehr Geld bedeutet nicht automatisch mehr Ja-Stimmen.
Die teuersten Kampagnen seit 2022
An der Spitze der offengelegten Einnahmen steht die Nachhaltigkeits- oder 10-Millionen-Initiative, über die am 14. Juni 2026 abgestimmt wurde, mit gut 16,2 Mio. CHF. Diese Zahl ist allerdings ein Sonderfall: Sie besteht ausschliesslich aus budgetierten Beträgen, da die Abstimmung zum Zeitpunkt der Filings noch in der Zukunft lag, und ist deshalb nicht direkt mit abgerechneten Kampagnen vergleichbar.
Offengelegte Einnahmen pro Abstimmungskampagne seit 2022, getrennt nach Budget und Ist.
Die teuerste real abgerechnete Kampagne war der Autobahn-Ausbau, die STEP-Vorlage vom 24. November 2024, mit 9,7 Mio. CHF. Die Verkehrs- und Klimadebatte wurde am Ende knapp abgelehnt. Dahinter folgen die SRG-Initiative «200 Franken sind genug» mit 7,5 Mio. und die Zweitliegenschaften- beziehungsweise Eigenmietwert-Vorlage mit 7,1 Mio., beide aus den Jahren 2025 und 2026. Auch klassische sozialpolitische Grossvorlagen sind durchgehend stark dotiert: die 13. AHV-Rente mit 6,9 Mio., die BVG-Reform mit 5,7 Mio. und die Kostenbremse-Initiative mit 3,3 Mio. Dass auch Umwelt- und Energiethemen viel Geld mobilisieren, zeigen die Biodiversitätsinitiative mit 6,2 Mio. und das Stromgesetz mit 6,0 Mio.
Die Statistik erfasst nur die offengelegten Einnahmen ab den Schwellenwerten des Transparenzgesetzes. Geld vor 2022 fehlt vollständig, und die realen Gesamtbudgets dürften höher liegen als die hier dokumentierten Beträge.
Wo das Geld lag: Ja- gegen Nein-Lager
Summiert man die Einnahmen nicht pro Vorlage, sondern getrennt nach Pro- und Contra-Lager, zerfällt das Bild in drei klar unterscheidbare Muster. Bei vielen Vorlagen lag der grösste Teil des Geldes auf nur einer Seite.
Aufteilung der offengelegten Einnahmen auf das Ja- und das Nein-Lager je Kampagne.
Ein erstes Muster ist die starke Übermacht der Gegner gegen Initiativen. Bei der SRG-Initiative «200 Franken sind genug» lagen 76 Prozent des Geldes im Nein-Lager, 5,7 Mio. gegen 1,8 Mio. Noch ausgeprägter ist die Schlagseite bei der JUSO-Erbschaftssteuer, der Initiative für eine Zukunft, mit 91 Prozent Nein-Geld (4,2 Mio. gegen 0,4 Mio.) und bei der Kostenbremse-Initiative, ebenfalls 91 Prozent Nein (3,0 Mio. gegen 0,3 Mio.).
Das zweite Muster ist die starke Übermacht der Befürworter. Bei der Zweitliegenschaften- und Eigenmietwert-Vorlage lagen 92 Prozent des Geldes im Ja-Lager (6,5 Mio. gegen 0,6 Mio.), bei der Renteninitiative zur Erhöhung des Rentenalters 91 Prozent (1,2 Mio. gegen 0,1 Mio.). Beim Stromgesetz lag der Ja-Anteil bei 74 Prozent, bei EFAS bei 77 Prozent.
Das dritte Muster sind die annähernd ausgeglichenen Schlachten, in denen sich zwei finanzstarke Lager gegenüberstanden. Der Autobahn-Ausbau (STEP) verteilte sich auf 54 Prozent Ja und 46 Prozent Nein (5,2 gegen 4,5 Mio.), die teuerste real abgerechnete Kampagne war also zugleich eine der ausgeglichensten. Die Prämien-Entlastungs-Initiative lag praktisch bei 50 zu 50 (1,10 gegen 1,06 Mio.), die 13. AHV-Rente bei 43 Prozent Ja und 57 Prozent Nein (3,0 gegen 4,0 Mio.).
Bei der teuersten Kampagne, der 10-Millionen-Initiative, lag das Nein-Lager mit 9,6 Mio. CHF vor den 6,6 Mio. im Ja-Lager, also 59 zu 41 Prozent. Auch diese Beträge sind budgetiert und nicht abgerechnet und deshalb mit Vorsicht zu lesen.
Die schwache Korrelation zwischen Geld und Stimmen
Stellt man den Anteil des Geldes, der ins Ja-Lager floss, dem tatsächlichen Ja-Stimmenanteil gegenüber, ergibt sich nur ein schwacher Zusammenhang. Die x-Achse zeigt dabei nicht den rohen Quotienten aus Ja- und Nein-Geld, der bei nahezu leerem Nein-Lager gegen unendlich strebt, sondern den Ja-Anteil am gesamten offengelegten Geld. Das hält beide Achsen auf derselben Skala von 0 bis 100 Prozent. Punkte rechts bedeuten ein finanzstärkeres Ja-Lager, Punkte oben mehr Ja-Stimmen. Läge Geld dem Ergebnis zugrunde, müssten alle Punkte eng auf der Diagonale liegen.
Ja-Anteil der offengelegten Finanzierung gegen Ja-Stimmenanteil; Punktgrösse entspricht dem Gesamtbetrag.
Tatsächlich verteilt sich die Wolke breit. Die grössten Ausreisser stehen rechts unten, also viel Ja-Geld bei klarer Ablehnung. Bei der Renteninitiative lagen 91 Prozent des Geldes im Ja-Lager, aber nur 25 Prozent der Stimmen waren Ja, die mit Abstand grösste Diskrepanz. Die Service-citoyen-Initiative kam auf 68 Prozent Ja-Geld bei mageren 16 Prozent Ja-Stimmen. Bei «Für Freiheit und körperliche Unversehrtheit» lag das gesamte offengelegte Geld im Ja-Lager, das Ergebnis aber bei 26 Prozent Ja.
Das prominenteste Gegenbeispiel liegt links oben: Die 13. AHV-Rente wurde mit 58 Prozent Ja angenommen, obwohl das Nein-Lager mehr Geld hatte und der Ja-Anteil der Finanzierung nur 43 Prozent betrug. Näher an der Diagonale, wo Geld und Stimmen im Gleichschritt liegen, befinden sich vor allem Energie- und Gesundheitsvorlagen wie das Stromgesetz (74 Prozent Geld, 69 Prozent Stimmen), der Klimafonds, die Umweltverantwortung und die Individualbesteuerung. Die 10-Millionen-Initiative bildet mit 16,2 Mio. CHF Budget den grössten Punkt und liegt mit 41 Prozent Ja-Finanzierung und 45 Prozent Ja-Stimmen recht nah an der Diagonale, ist aber als budgetierter Sonderfall markiert.
Die offengelegten Budgets messen eher, wie viel mobilisiert wurde, als wer am Ende gewinnt. Besonders Initiativen mit hohem Ja-Geld scheitern regelmässig, während behördlich breit abgestützte Vorlagen auch gegen finanzielle Übermacht durchkommen.
Zwei Hinweise zur Lesart bleiben: Die beiden Mietrechtsvorlagen zu Untermiete und Eigenbedarf teilen sich dasselbe Filing und liegen im Diagramm exakt übereinander. Und sämtliche Werte erfassen nur die offengelegten Einnahmen oberhalb der Transparenz-Schwellen.
Die grössten Geldgeber der 10-Millionen-Initiative
Bei der 10-Millionen-Initiative, der Nachhaltigkeitsinitiative vom 14. Juni 2026, dominieren auf beiden Seiten wenige sehr grosse Geber, und die Lager spiegeln die politische Frontstellung wider. Der mit Abstand grösste Einzelgeber des gesamten Abstimmungskampfs ist der Wirtschaftsdachverband economiesuisse, der rund 4,7 Mio. CHF ins Nein-Lager bezahlte, vor allem an die «Allianz Nein zur Chaos-Initiative». Im Register erscheint er in zwei Schreibvarianten, «economiesuisse» mit 4,57 Mio. und «Economiesuisse» mit 0,13 Mio., zusammengezählt rund 4,7 Mio.
Auf der Ja-Seite ist die Finanzierung eine SVP-Angelegenheit. Die SVP Schweiz steuerte 2,7 Mio. bei, die SVP Kanton Zürich 0,75 Mio. und die nahestehende Stiftung für bürgerliche Politik im Kanton Zug 1,05 Mio., zusammen rund 4,5 Mio. Ergänzt wird das durch prominente Parteigrössen und Unternehmer aus dem SVP-Umfeld: Thomas Matter und Philippe Gaydoul mit je 250'000 CHF, Christoph Blocher mit 130'000, Martin Ebners Patinex AG und die Emil Frey AG mit je 100'000.
Die Konfliktlinie verläuft lehrbuchhaft. Organisierte Wirtschaft und Gewerkschaften standen geschlossen auf der Nein-Seite: economiesuisse, die Zürcher Handelskammer und die Fédération des Entreprises Romandes Genève mit je 100'000 CHF auf der einen, die Gewerkschaft Unia mit rund 409'900 CHF sowie SGB, SEV, VPOD und Syndicom auf der anderen. Auch Unia erscheint dabei in zwei Einträgen. Dieses für Schweizer Verhältnisse ungewöhnliche Bündnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmenden richtete sich gegen eine Zuwanderungs-Begrenzungsinitiative, während im Ja-Lager fast ausschliesslich die SVP mit ihrem Unternehmer-Netzwerk stand.
Die Liste erfasst nur Einzelspenden über dem Transparenz-Schwellenwert von 15'000 CHF, nicht das gesamte Budget, und die Beträge sind budgetiert beziehungsweise zum Meldezeitpunkt deklariert. Die Spendernamen stammen aus dem Freitextfeld des EFK-Registers; eine Verknüpfung etwa von «Thomas Matter» zum gleichnamigen Nationalrat ist naheliegend, im Datensatz aber nicht über einen sauberen Schlüssel verifiziert.