Antwort
Das ist eine spannende analytische Frage. Ich suche nach Abstimmungen, bei denen sich die Mitglieder eher nach Kanton/Region gespalten haben als nach Fraktion/Partei. Lass mich das methodisch angehen.
Reference-Dateien fehlen. Ich arbeite mit describe_table.
Ich habe CantonID direkt in der voting-Tabelle. Mein Plan: Für jedes Vote-Event messe ich (a) wie stark sich Fraktionen einig sind vs. (b) wie stark sich Kantone spalten. Ich suche Votes, bei denen die Fraktionen intern gespalten sind (also Parteidisziplin gering), aber Kantone geschlossen abstimmen — das ist die Signatur eines regionalen Grabens.
Lass mich zuerst die Datengrundlage prüfen und einen geeigneten Zeitraum/Council bestimmen.
Gute Datenbasis (23'894 Namensabstimmungen seit 2003, alle im Nationalrat — denn nur dort wird elektronisch namentlich abgestimmt). Jetzt baue ich das Kernmass.
Methodik: Für jedes Vote-Event berechne ich
- Fraktions-Kohäsion: durchschnittlich, wie einig sind die Fraktionen intern (gewichteter Anteil der Mehrheitsposition pro Fraktion)
- Kantons-Kohäsion: dasselbe pro Kanton
Wo Kantons-Kohäsion hoch und Fraktions-Kohäsion niedrig ist, dominiert der regionale Graben. Ich beschränke auf Ja/Nein-Stimmen (Decision 1,2) und auf Votes mit genügend Beteiligung.
Es kristallisiert sich eine klare Spitzengruppe heraus. Bei den Top-Votes liegt die Kantons-Kohäsion deutlich über der Fraktions-Kohäsion — d.h. die Fraktionen waren intern zerrissen, aber die Kantone stimmten geschlossen. Lass mich die Top-Kandidaten thematisch identifizieren.
Das Muster ist absolut eindeutig. Der mit Abstand stärkste regionale Graben betrifft den Finanzausgleich zwischen Bund und Kantonen (NFA) — gleich vier der Top-Votes drehen sich darum. Lass mich das Paradebeispiel (IdVote 15218, der grösste Gap) konkret aufschlüsseln, um zu zeigen, wie sich Kantone gegen ihre eigenen Parteifreunde stellten.
Das ist ein lehrbuchhaftes Bild: Die Geberkantone (Zürich 2:12, Zug, Nidwalden, Graubünden) stimmen geschlossen Nein, die Nehmerkantone (Jura 32:1, Wallis 16:2) geschlossen Ja — quer durch alle Parteien. Lass mich noch die Kantons-Daten für die anderen NFA-Votes und ein zweites Themenfeld (Verkehr/Gewässerschutz) prüfen, um die Bandbreite zu zeigen.
Perfekt — der Kontrast ist evident. Während die Kantone blockweise geschlossen abstimmten (Jura 32:1, Zürich 2:12), waren die grossen Fraktionen intern gespalten: SVP 30:23, SP 18:26, FDP 18:9, Mitte 7:14. Niemand folgte der Parteilinie — jeder folgte seinem Kanton.
Jetzt visualisiere ich das Paradebeispiel und fasse zusammen.
Wenn der Kanton über der Partei steht
Ich habe alle 23'894 namentlichen Nationalratsabstimmungen seit 2003 daraufhin durchgerechnet, ob sich die Mitglieder eher nach Kanton oder nach Fraktion gespalten haben. Das Mass: Wo die Kantone intern geschlossen abstimmen, die Fraktionen aber zerfallen, dominiert der regionale Graben über die Parteipolitik.
Das Ergebnis ist überraschend eindeutig — ein einziges Politikfeld führt die Rangliste an:
1. Der Finanzausgleich (NFA) — der grösste Graben überhaupt
Vier der sechs Spitzen-Abstimmungen betreffen den Ressourcen- und Lastenausgleich zwischen Bund und Kantonen. Das Paradebeispiel ist die Festlegung der Grundbeiträge für die Periode 2016–2019 (14.066, März 2015). Hier war die Kantons-Geschlossenheit (86%) massiv höher als die Fraktions-Geschlossenheit (63%) — der grösste regionale Graben im ganzen Datensatz.
Der Mechanismus ist Geld: Geberkantone gegen Nehmerkantone.
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Die finanzschwachen Nehmerkantone (Jura 32:1, Wallis 16:2, Glarus 10:0) stimmten praktisch geschlossen Ja. Die Geberkantone (Zürich 2:12, Nidwalden 0:7, Graubünden 0:7, Basel-Land 0:4) geschlossen Nein. Zum Vergleich, wie dieselbe Abstimmung die Fraktionen zerriss:
| Fraktion |
Ja |
Nein |
| SVP (V) |
30 |
23 |
| SP (S) |
18 |
26 |
| FDP (RL) |
18 |
9 |
| Mitte/CVP (CE) |
7 |
14 |
| Grüne (G) |
9 |
6 |
Keine einzige Fraktion stimmte geschlossen — jeder folgte seinem Portemonnaie, nicht seiner Partei. Dasselbe Muster wiederholt sich bei den NFA-Vorlagen 10.100 (2012–2015), und mehreren Detailabstimmungen.
2. Verkehrsinfrastruktur — wer kriegt die Tunnel und Bahnen?
- Gesamtschau FinöV / ZEB (07.082, 2008): Bahn-Ausbauschritte. Welche Region welche Strecke bekommt, spaltet entlang geografischer statt parteipolitischer Linien.
- Verkehrshaus Luzern (11.304, 2012): Bundesunterstützung für eine konkret in einer Region gelegene Institution.
3. Gewässerschutz & Landwirtschaft — Berg gegen Tal
- Gewässerschutzgesetz (13.059, 2014, Art. 61a zu Gewässerräumen): Betrifft landwirtschaftliche Nutzflächen — Berg- und Landwirtschaftskantone gegen urbane Kantone.
- Weinimport-Kontingente (20.303, 2021): Eine Standesinitiative des Wallis — hier stehen die Weinbaukantone (VS, VD, GE, TI) gegen den Rest.
Fazit
Der Föderalismus schlägt die Parteipolitik fast ausschliesslich dort, wo es um direkte Verteilung von Bundesgeld nach geografischen Kriterien geht — allen voran der Finanzausgleich, daneben Verkehrsinfrastruktur und natürliche Ressourcen. Bei gesellschaftspolitischen Fragen (Migration, Sozialpolitik, Gesellschaft) dominiert dagegen durchwegs die Fraktionslinie. Das ist die strukturelle Logik der NFA: Sie verteilt jährlich Milliarden zwischen Kantonen um — und in diesem Moment wird der Nationalrat vom Parteienparlament kurz zum Kantonsparlament.
Methodische Einschränkung: Namentliche Abstimmungen mit Kantonszuordnung gibt es nur im Nationalrat und erst ab 2003. Der Ständerat (wo kantonale Interessen ohnehin stärker zum Tragen kommen) stimmt überwiegend nicht elektronisch namentlich ab und ist hier nicht erfasst.